Das "Elbschießen"

27.05.2018 19:48 (zuletzt bearbeitet: 31.10.2020 11:04)
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User HaJuHe hat einen Beitrag über Ereignisse im MSR geschrieben. Hier ist sein Beitrag

Die Elbschützen
oder auch
Das verrückteste Artillerielager 1976
Heute kann man darüber lachen

Mitte der 70er Jahre hatten die Artilleristen des MSR-24 in der GANZEN NVA den unrühmlichen Spitznamen „Elbschützen“.
Wie kam es dazu? Ich muss dabei etwas ausholen.
Mitte 1976 wurde der langjährige Leiter Artillerie, Oberstleutnant Siegfried Müller als Stabschef des CRA in den Divisionsstab versetzt. Neuer Leiter Artillerie wurde Major Manfred Byner, bis dahin OOArt. Und der neue OOArt wurde der BC der Haubitzbatterie, Hauptmann Wolfgang Schwarz, dessen Posten der BO der Haubitzbatterie, OLtn. Karl Seckendorf übernahm.
Es war die Zeit, in denen noch die Sommerlager der Artillerieeinheiten durchgeführt wurden. Das bedeutete, dass alle Artillerieeinheiten für vier Wochen auf einen Truppenübungsplatz verlegten, dort ausbildeten und trainierten und Übungen (Batterieübung und auch Feuerleitübung des MSR) mit scharfem Schuss durchführten.
1976 verlegten wir also auf den Truppenübungsplatz Annaburg. Das blöde an der ganzen Sache war nur, dass OSL Müller sehr kurzfristig versetzt wurde. Major Byner hatte aber in diesem Zeitraum einen Urlaubsplatz an der Ostsee, den er natürlich in Anspruch nehmen wollte und auch durfte. So wurde Hauptmann Schwarz mit der Durchführung und Leitung des Sommerlagers beauftragt. Schwarz war zwar ein ausgezeichneter Offizier, der sich sehr konsequent durchsetzen konnte, aber er war auch bis vor kurzen selber BC gewesen und nun Chef seiner Kameraden. Sicher auch für ihn nicht einfach.
Zur gleichen Zeit fand das Praktikum der Offiziersschüler statt, und ein Offiziersschüler, der OS Dieter B., arbeitete in der Haubitzbatterie. Ziel war es, ihn nach der Ernennung zum Leutnant dort als BO einzusetzen.
Das alles erst einmal nur zur Vorgeschichte. Ich selber war damals Leutnant (kurz vor der Beförderung zum Oberleutnant) und BO in der 2. GWBttr beim Hauptmann Jürgen Keil.
1976 war ein sehr heißer und sehr trockener Sommer und wir hatten nun unsere Stellungen auf dem TÜP Annaburg bezogen, Zelte aufgebaut, Abstellflächen für die Technik eingerichtet und was da alles noch dazu gehört.
Dann begann das Training auf dem Übungsplatz. Das haben vor allem wir Zugführer durchgeführt. Die BC waren eigentlich, das muss man ehrlich zugeben, mehr in Dautzschen in der Gaststätte. Gleich in der ersten Woche passierte auch der erste Knall. OLtn. Thomas Gruschwitz, neuer BC der PALR-Batterie, donnerte so schnell es ging mit der Batterie über den Platz. Aufgrund der Staubentwicklung sahen die Fahrer nichts mehr und zwei SPW knallten zusammen. Ergebnis war ein Wannenriss, also ein „Besonderes Vorkommnis“, meldepflichtig bis zum MfNV. Also kam auch schon die erste Kontroll-und Überprüfungsgruppe des Regiments zu uns nach Annaburg.
In der nächsten Woche waren wir als Schiedsrichter bei Übungen und Schießen der Einheiten des MSR-23 eingesetzt. Ich kam nach 24stündiger Schiedsrichtertätigkeit zurück, müde, dreckig und hungrig und wollte mich erst einmal nur waschen. Meine Pistole übergab ich unserem Spieß, OFw. Dietmar Lassek, weil die ja beim Waschen nur störte. Dietmar musste natürlich die Pistole ziehen, er fummelte damit herum und „peng“, sie ging los. Hptm. Keil und ich stürzten aus dem Zelt und sahen unseren verdatterten Spieß mit der Pistole stehen. Blöderweise hatte er direkt in das Zelt der 3. GWBttr geschossen und zwar etwas 10 cm über den Kopf des BC, OLtn. Rolf Böhner, der auf seinem Bett gelegen (zum Glück gelegen und nicht davorgestanden) hatte. Meldepflichtig bis MSD. Und wir konnten es auch nicht abhaken, denn das hatten zu viele mitbekommen. Die zweite Kontrollgruppe meldete sich bei uns.
Nun folgten unsere eigenen Übungen und Gefechtsschießen. Die Haubitzbatterie sollte eine Feueraufgabe 3 (EM-Schießen) durchführen. Hptm. Schwarz hatte die Offiziere in den Feuerstellungen sehr genau eingewiesen, die Koordinaten der Vermessungspunkte übergeben und auch die Richtungswinkel von Stein zu Stein. Es war damals üblich (und zwar nur noch bis zu diesem Feldlager, dann war es strikt verboten), die Richtkreise über einem Vermessungs-punkt aufzustellen und einen anderen Punkt anzurichten. Das sparte viel Zeit und die Richtung stimmte immer. Zu seinem Glück hatte er auch ausdrücklich gesagt und notieren lassen, nur einen bestimmten Punkt anzurichten, ja keinen anderen!
Auch OS B. erhielt diese Angaben und dazu den Vermerk, ja nicht den falschen Stein anzurichten. Die Haubitzbatterie bezog die Feuerstellung, stellte die Feuerbereitschaft her und richtete die Grundrichtung ein. Dem Hfw. Fähnrich Manfred Heusinger, kam das aber seltsam vor und er meinte zum OS Bahlo, das die Batterie schon öfters aus der Feuerstellung geschossen hätte und da hätten die Rohre wesentlich weiter nach rechts gezeigt. Worauf der OS, Kraft seiner Wassersuppe, meinte, er möge sich doch um seine Protzenstellung und die Verpflegung kümmern und sich nicht in Sachen reinhängen, von denen er keine Ahnung hat (Bahlo 21 Jahre alt, Heusinger 40 Jahre alt, über 20 Jahre im Dienst und ein alter Haudegen). Worauf Manfred Heusinger nur meinte, dann soll er eben seinen Scheiß alleine machen und in die Protzenstellung ging.
Das Schießen begann. OLtn. Seckendorf klärte das Ziel auf, Anfangsangaben wurden und bestimmt und ein Schuss abgefeuert. Einschlag, aber seitlich ziemlich weit weg vom Ziel. Also, entgegen der normalen Regel korrigierte er die Seite und Feuerte noch einmal. Die Ablage war besser, er berechnete die Korrektur und feuerte eine Salve auf das Ziel ab, die auch kam, aber nicht wirklich im Ziel lag. Also wurde das Schießen durch den Leitenden, Hptm. Schwarz, durch Eingabe theoretischer Ablagen fortgeführt.
Plötzlich kam mit einer maximal möglichen Geschwindigkeit ein Fahrzeug von der Kommandantur und der Kommandant persönlich brüllte schon von Weitem, unverzüglich das Feuer einzustellen.
Was war passiert?
Der Annaburger TÜP hat ja eine Nord-Süd-Ausdehnung gehabt und die Grundrichtung beim Schießen im indirekten Richten lag immer zwischen 55-00 und 05-00. Der OS B. hatte seinen Richtkreis über einem Vermessungspunkt aufgebaut, aber den falschen Punkt mit dem bekannten Richtungswinkel angerichtet. Deswegen standen die Geschütze nicht in Grundrichtung, sondern sie hatten einen Fehler von beinahe 45° nach links. Die Schüsse, die abgefeuert wurden gingen voll nach links vom Platz weg, der Ort Dautzschen wurde überschossen und zwischen Dautzschen und der Elbe schlugen die Granaten auf einem Rübenacker der LPG ein. Das ganz blöde war nur, dass sich in Dautzschen Besucher aus der BRD aufhielten, die mit ihren Gastgebern eine Rundfahrt machten, und diese sich unmittelbar in der Nähe der Einschläge aufhielten. Und wie wir später erfahren haben, sind sie wohl mit Vollgas beim Bürgermeister vorgefahren und haben geschrien.“ Hilfe, Hilfe, die Russen beschießen uns mit Artillerie!“ Aber, das erfuhren wir erst viel später. Jedenfalls hat der Bürgermeister umgehend den Platzkommandanten angerufen…. und Meldung über die Parteilinie nach „oben“ gemacht.
Den Schießenden auf der BStelle war erst mal kein Fehler bewusst. Seckendorf hatte „Feuer“ befohlen und es kam immer ein Einschlag. Na ja, ein bisschen weit weg, aber, na ja, das kommt schon mal vor. Wie sich später herausstellte (ein ganz blöder Zufall) hat auch die Haubitzbatterie des MSR-23 Trainingsschießen durchgeführt und auf ein benachbartes Ziel gefeuert, und die Einschläge, die beobachtet und korrigiert wurden, waren eigentlich von denen. Die vom MSR-24 lagen ja weit, weit weg vom Schießplatz. Aber das mussten wir selber erst mal herauskriegen. Hptm. Schwarz und OLtn. Seckendorf fuhren in die Feuerstellung und sahen, dass sich die Rohre völlig außerhalb der Grundrichtung befanden. Dann wurde berechnet und mit der Karte verglichen und wir unbeteiligten Offiziere zogen los, um die Einschläge zu finden und zu markieren. Ich habe mich in dem Zusammenhang mit einem Schrankenwärter der Bahn unterhalten, der mir genau zeigen konnte, wo die Einschläge waren und zwar mit folgendem Kommentar:“ Mann, ich sitze da, auf einmal, huiiiii, pfeift es über meinen Kopf. Das war ja wie im Russlandfeldzug, damals. Ich kenne mich nämlich aus, von damals. Und da sage ich mir, wenn eine kommt, dann kommen noch mehr und huiiiii, kam schon die nächste und da denke ich mir so, jetzt kommt das Wirkungsschiessen und huiiiii, da kam auch schon die Salve an! Und Jungens, die lag super, alle fast auf einem Punkt! Der Fächer war Klasse!“ (Gut, damals konnte ich nicht darüber grinsen) Über die Meldehöhe haben wir damals erst mal nicht nachgedacht, sondern Hptm. Schwarz machte erst mal Meldung an das MSR. Wie das beim Militär so ist: „Überprüfen Sie das erst mal!“ an das Kommando Landstreitkräfte…. ans Ministerium. Aber das Ministerium wusste schon alles. Ich hatte ja gesagt, dass der Bürgermeister direkt über die Parteilinie weitergemeldet hatte und da ging, dass alles etwas schneller, eben ohne die Überprüfungen. Jedenfalls (so sagte uns ein Oberst der Kontrollgruppe des Ministeriums(!), die dann eintraf, hatte wohl Erich Honecker den Armeegeneral Heinz Hoffman zu sich befohlen, hat ihm die Sachlage mitgeteilt und darum gebeten (!!!!) das im Sinne der Erfüllung der Volkswirtschaft die Zivilbevölkerung doch aus den Übungen der NVA herauszuhalten sei!!!!!“) Daraufhin setzte sich eine Ermittlungsgruppe des MfNV, verstärkt durch Ermittler des MfS, in Bewegung nach Annaburg.
Wir hatten inzwischen versucht die Einschläge genau zu orten, konnten aber einen nicht finden. Da uns aber von der Kontrollgruppe der Division „nahegelegt“ wurde, gefälligst alle zu finden, zog in der ersten Nacht Fähnrich Heusinger los, bewaffnet mit einem Spaten und Granatsplittern, die er auf dem Platz aufgesammelt hatte, buddelte eine Schleifspur und verteilte die Splitter. Alles klar, der eine Schuss war offensichtlich ein Abpraller, deswegen kein Einschlag.
Die Kontrollgruppe des Ministeriums kontrollierte alles, in weiten Kreisen, und fand den ersten Einschlag. Also hatten wir ein neues Problem, acht Schüsse waren abgefeuert und neun Einschläge waren da. Wo kam der neunte Schuss her. Worauf Fähnrich Heusinger ganz leise die Hand hob und alles gestand.
In der Zwischenzeit waren schon der Hptm. Schwarz, OLtn. Seckendorf und OS B. vorläufig festgenommen worden und kamen zum Verhör. Schwarz und Seckendorf wurden bald entlassen, Schwarz konnte nachweisen, dass er die richtigen Koordinaten und Winkel ausgegeben hatte und in B.s Notizbuch stand sogar der Satz:“ Nicht den Stein xy anrichten“, Seckendorf war auf der BStelle und gar nicht beteiligt. OS B. wurde erst einmal isoliert, verhört und dann auch laufen gelassen.
Das Fazit war dann.

1. Es wurden bestraft.
a) Major Byner (der an der Ostsee im Urlaub war) weil er Leiter Artillerie war und von wegen sowieso aus Prinzip
b) Hptm. Schwarz weil er Leiter des Artillerielagers war und sowieso aus Prinzip
c) OLtn. Seckendorf, weil er der Batteriechef war und sowieso aus Prinzip
d) Fähnrich Heusinger, weil er Beweismittel gefälscht hatte

2. Es wurde nicht bestraft:
a) Der OS B., denn wenn man ihn bestraft hätte, wäre er nicht zum Offizier ernannt worden.

3. Weitere Konsequenzen
a) es wurde verboten, Richtkreise über Vermessungspunkten aufzustellen und mit Richtungswinkel zu arbeiten
b) Der Leutnant B. wurde nicht BO der Haubitzbatterie, sondern 1.FZF/BO der 2. GWBttr. (bei Hptm. Keil !! Auch eine Form der Bestrafung)
c) Der Leutnant Hendig wurde BO der Haubitzbatterie

Und immer, wenn ich in den nächsten zwei Jahren zu einem Lehrgang oder einer Weiterbildungsmaßnahme kommandiert war, und ich mich vorstellte „OLtn. Hendig, BO der Haubitzbatterie des MSR-24“, ging ein Raunen durch die Menge und man hörte immer wieder das geflüsterte „die Elbschützen“, manchmal auch „DER Elbschütze“. Und ich war’s doch gar nicht.


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31.10.2020 10:52
#2
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Der User Feuerbulle hat geantwortet.

Ja, dieses Vorkommnis wurde noch ewig ausgewertet... 85 war ich das erste mal auf dem Annaburger Schießplatz ( als Sicherheits-"Nadel" ) für das Schießen der Artillerie, da wurde mir das noch vom Schießplatzkommandanten "serviert" ... Mit einigen "Kompott" rundsherum bekamen
wir das auch schon in der "Bauernarmee" (MB-5 ) zu Ohren. Seltsamerweise aber nicht an der OHS (bin Abgang 77 als Leutnant der Artillerie ), nur das bei einem Schießen was passiert sei, aber zum Glück keine Personenschäden...
Danke für die genaue Darstellung des damaligen Ablaufes aus berufenem Munde...
Egal ob Klietz, Lübtheen oder sonstwo, immer wurde erst geschaut, wo der Richtkreis stand; so ein Glück gleich einen "Koordinatenstein" zu finden gabs aber nicht überall..... frei nach dem Luther-Dauerhit "eine feste Burg ist unser Gott" waren Kirchtürme als weithin sichtbarer koordinaten-
mäßig bekannter Karten-Geländepunkt bei der Überprüfung der Richtung (und Vermessung) erste Wahl....so man denn einen hatte.



FuAB-21/NB-4/AB-4/MSR-24/OHS S08/Rentner

Jedes Ding hat drei Seiten: mein, deine und die der Tatsachen.


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31.10.2020 11:41
#3
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Festgelegte sogenannte "Koordinatensteine usw." habe ich nie genommen. War mir einfach zu gefährlich. Steine und auch Holzpflöcke, es sei, die Vermesser waren gerade da, konnten durch bewegliche Schützen durchaus beseitigt werden. Oft erlebt, besonders die Panzer waren da nicht zimperlich.
Einen ähnlichen Fall hatten wir mal in Groß Wudicke, General Großer war dann Aufbauhelfer.

Immer positiv Denken!
hadis-soldatenforum


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